SALON KARINA
Niemand redet gerne
darüber. Es ist eines der wirklich letzten Tabus. Germersheimer zum Beispiel
geht alle sechs Wochen zu einem alleinlebenden, jungen Herrn namens Andy - nach
20 Uhr, die meiste Zeit des Jahres ist es dann schon dunkel. Niemand darf wissen,
was Andy in der knappen halben Stunde mit Germersheimer tut. Niemand - vor allem
nicht das Finanzamt, denn Andy zahlt von dem Geld, das er Germersheimer für
seine Dienstleistung abknöpft, keine Steuern. Germersheimer weiß das, er ist
quasi ein Mittäter, aber er möchte keinesfalls auf Andy verzichten, obwohl er
ungern tagsüber mit Andy gesehen werden würde. Dieser junge Mann schreckt in
der Wahl seiner Kleidung vor knallbunten, körperbetonten Arrangements nicht
zurück.
Pfeifenberger hingegen pflegt seine Bedürfnisse in einem großzügigeren Stil
zu befriedigen. Meist geschieht es im Zuge einer Städtereise. Er bucht drei
Tage Oslo oder zwei Tage Barcelona, setzt sich mit kleinem Gepäck in den Flieger,
checkt im besten Hotel der Stadt ein und bittet den Portier dafür zu sorgen,
daß jemand zu ihm aufs Zimmer kommt. Oder er betritt in einer Seitenstraße ein
entsprechendes Etablissement und lässt alles nötige in einer Atmosphäre genußvoller
Anonymität über sich ergehen.
Zu Hause schwadroniert Pfeifenberger stundenlang über seinen Besuch in der Kopenhagener
Oper oder im Wiener Aquarium, aber den eigentlichen Grund seines Kurztrips verschweigt
er. Vor allem achtet er peinlich darauf, daß Carola Pfeifenberger nichts davon
mitbekommt. Seine Frau ist nämlich der Meinung, Pfeifenberger mindestens ebenso
gut helfen zu können wie jede professionelle Kraft - mal abgesehen davon, daß
es bei ihr nichts kosten würde.
Natürlich bleibt den engen Freunden nicht verborgen, was Germersheimer und Pfeifenberger
heimlich treiben. Sobald Germersheimer von Andy und Pfeifenberger von einer
Reise nach Tel Aviv oder Edinburgh zurück sind, tun sie so, als hätte sich nichts
geändert, ja sie gehen krampfhaft zur Normalität über. Aber gerade die Verbissenheit,
mit der sie leugnen, daß sie es wieder einmal getan haben, macht sie verdächtig.
Die, die wissen, was geschehen ist, fallen nicht mit der Tür ins Haus. Sie spielen
eine Weile das durchschaubare Spiel der Delinquenten mit, aber irgendwann durchbricht
einer die stillschweigende Übereinkunft und setzt geschickt eine Anspielung,
die denjenigen, der gemeint ist, auf der Stelle erröten lässt.
Meistens ist es die Kellnerin Elvira, die den Mund nicht halten kann. "Wer hat
dir denn diesmal die Haare geschnitten, Pfeifenberger?" platzt es aus ihr heraus.
Oder sie legt Germersheimer gespielt wohlwollend die Hand auf die Schulter und
trompetet: "Na, hat Andy wieder eine expressionistische Phase oder ist ihm dein
Scheitel versehentlich zu tief gerutscht?"
Allerdings fordern Germersheimer und Pfeifenberger durch ihre Geheimnistuerei
Provokationen geradezu heraus. Warum gehen sie nicht einfach - wie Schmalenbach
- in einen ganz normalen Salon und reden offen darüber, sobald sich eine Gelegenheit
ergibt?
Weil sie alle - und da kann man Schmalenbach nicht ausnehmen - scheue Wesen
sind, wenn es um ihr Aussehen geht. Und weil sie es hassen, wenn alle Welt glaubt,
sich über gewisse zaghafte Neuerungen im Schnitt oder in der Tönung lustig machen
zu müssen. Hinzu kommt, daß kein Mann sich gerne in die Hände einer Frau begibt,
die nicht die seine ist, aber mindestens so viel über ihn weiß wie diese.
Es ist nun mal so: Niemand kennt einen Mann besser als seine Friseuse. Sie weiß
besser als er, wie weit sein Haarausfall vorangeschritten ist. Sie weiß, wie
reinlich er wirklich ist. Sie hat beim Haarewaschen geheimste Dinge über ihn
erfahren. Wer erzählt zum Beispiel seiner Frau, wie tief in ihm die Angst sitzt,
daß seine Haare schnell fettig werden? Und selbst jemand, der - wie Schmalenbach
- aus pädagogischen Gründen seiner Lebensgefährtin sogar die Höhe seiner Bezüge
verschleiert, zieht in Momenten größter Wonnen und wohligster Dominanz seine
Friseuse in Sachen Schuppenvorsorge zu Rate. Von politischen Utopien, unerfüllten
sexuellen Wünschen, Impotenz- und Versagensängsten, Gewaltphantasien, Allmachtsvisionen
und Minderwertigkeitsgefühlen ganz zu schweigen.
Es ist also kein Wunder, daß Pfeifenberger diesen immensen Aufwand betreibt,
um sich die Haare in Städten schneiden zu lassen, in denen ihn niemand kennt.
Von wechselnden Damen, unter Angabe wechselnder Namen, mit wechselnden Kreditkarten.
Er hofft, die Riechmarken seiner starken und nicht immer unumstrittenen Persönlichkeit
könnten durch diese Streuung verfliegen.
Allein aus diesem Grund hält Germersheimer auch an dem sinistren Andy fest,
der zwar das Finanzamt hintergeht und sich spätabends noch in parfümierten Clubs
mit Herren trifft, die an allen dazu geeigneten Stellen Goldkettchen tragen,
der aber auch, dessen ist Germersheimer sich sicher, eisern über die Untiefen
schweigt, die er beim Kupieren ausgelotet hat.
Schmalenbach pflegt offensiver mit dem Friseurproblem umzugehen. Er verkehrt
schon seit Jahren im Salon Karina. Frau Karina ist eine gut sortierte Blondine
zwischen 35 und 55. Sie strahlt die Souveränität einer grünen Witwe aus, hat
tagaus, tagein mit toupierten Damen zu tun und sieht Schmalenbach als einen
Entspannungskunden an.
Karina schwört auf Schmalenbach, weil Schmalenbach schweigt. Schmalenbach lässt
sich die Haare schneiden und verliert dabei kein Wort. Er schweigt wie ein Schwerverbrecher
im Kreuzverhör. Karina, die acht Stunden am Tag unentwegt plappernde Kundinnen
über sich ergehen lassen muß, genießt den schweigenden Schmalenbach wie eine
Prostituierte den wohlhabenden Stammkunden, der im zugeknöpften Regenmantel
auf ihrer Bettkante sitzt und nur von seinem Ärger zu Hause reden will, während
sie sich die Zehennägel lackiert.
Karina weiß nichts von Schmalenbach. Sie schneidet ihm bloß die Haare und erzählt
das, wozu sie bei ihren weiblichen Kunden nie kommt. Sie spricht über die politische
Großwetterlage, über ihre Migräne und die neue Herbstmode. Schmalenbach genießt
es. Solange Karina redet, muß er nichts von sich preisgeben. Karina weiß nicht
mal, wie Schmalenbach heißt, sie weiß nicht, wo er wohnt, sie weiß nicht, ob
er Familienvater ist oder Single. Sie ahnt nicht, was er beruflich macht, und
seine sexuelle Orientierung ist ihr so fremd wie ihm ihr wirkliches Alter.
Dennoch - auch Karina hat ihre Schattenseiten. Zum Beispiel schneidet sie Schmalenbach
die Haare nie so, wie er es will. Jedesmal, wenn Schmalenbach auf dem Friseurstuhl
Platz nimmt und sie ihm das Frisiercape umhängt, begegnen sich ihre Blicke im
Spiegel. Dann sagt Schmalenbach mit der immer gleichen Entschlossenheit: "Diesmal
bitte sehr kurz!"
Karina lächelt ihn an und haucht: "Also wie immer."
"Ja, nur diesmal wirklich kurz", korrigiert Schmalenbach seine Göttin zaghaft.
Karina beginnt ihr Werk. Schmalenbach schließt die Augen und begibt sich ganz
und gar in ihre zarten Hände. Er hört die Schere klappern, spürt die angenehm
kalten Fingerspitzen an den Schläfen und im Nacken und gibt sich harmlosen,
sexuellen Fantasien hin. Von Karinas tour d´horizon hört Schmalenbach immer
nur die Hochfrequenzen. Sie ereifert sich über die Regierung - welche sie meint,
weiß Schmalenbach nicht. Sie schimpft über das Wetter - ob sie Regen oder Sonnenschein
vorzieht, konnte Schmalenbach nie herausfinden. Sie beklagt die Kriminalität
- ob ihr die Verbrechensraten zu hoch oder zu niedrig sind, interessiert Schmalenbach
nicht. Sie moniert die Sexualmoral - ohne daß Schmalenbach jemals verstanden
hätte, ob sie nun mehr oder weniger Sex einklagt. Das alles ist ihm gleichgültig
- er will einfach nur von Karina frisiert werden und dabei ein Frieden und eine
Zufriedenheit empfinden, wie sie sonst in Schmalenbachs Dasein eher selten sind.
Wenn Karina fertig ist, ihn in eine betörend aufdringliche Duftwolke gehüllt
hat und ihm mit elegantem Schwung das Frisiercape abnimmt, staunt er immer wieder.
Er staunt vor allem darüber, wie wenig sie ihm abgeschnitten hat. Aber dieser
Moment ist beiden so heilig, daß er es niemals übers Herz bringen würde, die
Künstlerin für ihr Kunstwerk nicht zu loben. Auch wenn sie immer dreister seinen
Wunsch nach einem Kurzhaarschnitt übergeht. Wo jetzt alle Welt die Haare kurz
trägt. Sogar Pfeifenberger, der sich im Hafenviertel von Porto den Schädel hat
kahl rasieren lassen. Wo doch kurzhaarige Männer als viril und kompetent gelten.
Wo doch ein Kurzhaarschnitt nicht nur die Aufmerksamkeit der Damenwelt erregt,
sondern auch Geld und Zeit spart: Man muß nicht gleich nächste Woche wieder
im Salon antreten.
Aber mit Karina ist das nicht zu machen. Sie schwört auf den Faconschnitt der
siebziger Jahre. Natürlich denkt sie auch an ihre finanzielle Frequenz - aber
die würde Schmalenbach nie zur Sprache bringen.
Natürlich erzählt Schmalenbach Elke nichts von Karina. Seine Friseuse sollte
ein Mann seiner Frau gegenüber mindestens so verdeckt halten wie seine Geliebte.
Frauen sind grundsätzlich eifersüchtig - vor allem auf die Frau, die ihrem Mann
die Haare schneidet.
Kürzlich aber sagte Elke, als Schmalenbach geradewegs von einer Behandlung bei
Karina kam: "Du könntest mal wieder zum Frisör gehen!"
Schmalenbach erschrak und besah sich im Spiegel. Elke hatte Recht. Karina tendierte
immer mehr zu einem rigorosen Minimalismus. Als Elke dann auch noch verkündete,
sie bitte bei ihrer Friseuse um einen Termin für Schmalenbach, war die Katastrophe
da.
"Nein!" schrie Schmalenbach, als Elke zum Telefon greifen wollte. "Ich kenne
deine Friseuse nicht. Wer weiß, was sie mit meinem empfindlichen Haar anstellt."
"Du hast ganz normales Haar, du solltest es nur öfter waschen und nicht so heiß
fönen. Meine Friseuse weiß, was sie zu tun hat. Im übrigen werde ich sie instruieren."
Schmalenbach geriet in Panik. Es war, als würde Elke ihn von der Frau seines
Lebens trennen. Er spürte, wie das Messer in seinem Herz gedreht wurde. Er wehrte
sich wie ein verwundetes Raubtier: "Ich habe die nächsten Wochen keine Zeit,
zum Friseur zu gehen."
"Meine Friseuse ist flexibel, die macht dir auch nachts oder früh morgens einen
Termin. Zur Not kommt sie in die Wohnung."
Schmalenbach grauste bei dem Gedanken, sich einem wildfremden Menschen in seiner
eigenen Wohnung mit Haut und Haaren auszuliefern. Er gehörte zu Karina. Mit
einer anderen Friseuse konnte er nicht. Seine Haare würden sich sträuben, seine
Kopfhaut würde allergisch reagieren, er würde Schweißausbrüche erleiden und
psychosomatische Entzündungsprozesse.
"Nun stell dich nicht an!" tadelte ihn Elke. "Karina wird dir gefallen."
"Karina?!!!!"
"Ja, so heißt meine Friseuse. Ich geh schon seit Jahren zu ihr. Sie kann nämlich
zuhören."
Was sprachen die beiden? Was hatte Elke Karina über ihn erzählt? Schmalenbach
hatte plötzlich das Gefühl, daß sein sorgsam austarierter Kosmos ins Wanken
geraten war.
Er ergriff die Flucht. "Mann, du steckst vielleicht in der Tinte!" tönte Pfeifenberger.
"Da hilft nur noch eins: Promiskuität. Jeder Schnitt bei einer anderen Friseuse."
"Dazu bin ich nicht der Typ", jammerte Schmalenbach. "Bei aller Distanz - ich
brauche Kontinuität. Ich muß an die Hände gewöhnt sein, die mich frisieren."
Germersheimer kostete es einige Überwindung. "Ich könnte Andy fragen, ob er
dich noch irgendwo dazwischen quetscht", bot er an.
Schmalenbach wurde hysterisch: "Ich will nirgendwo bei deinem Andy dazwischen
gequetscht werden. Ich will nicht, daß meine Friseuse mit meiner Frau kungelt!"
Gestern hat er den Termin bei Karina abgesagt. Angeblich ist ihm was dazwischen
gekommen. Das nächste Mal wird er politische Gründe vorschieben - Karinas bisweilen
zutage tretendes Ressentiment gegen den Haarwuchs ausländischer Mitbürger. Bis
dahin sind seine Haare schon über den Kragen hinaus gewuchert. Vielleicht ist
das ja auch die einzige Lösung: Die Rückkehr zur Langhaarfrisur.